Keine sinnvolle Anwendung ohne Verstehen der Kampfprinzipien

Angriff ist eben nicht immer die beste Verteidigung


Die drei Kampfprinzipien des Wing Chun

Die zweite Form des Wing Chun - „Chum Kiu“ - heißt nicht zufällig „Suchende Arme“ oder die „Das Suchen der Brücke“. Wir gehen davon aus, das die Formen der "Lehrplan" des Wing Chun sind, und wenn die 2. Form des Wing Chun "Suchende Arme" heißt, dann sollte das "Suchen" in der Form enthalten sein. In dieser Form ist die Erklärung dafür zu suchen, wie der Vorgang des "Suchens" in einer Kampfsituation funktioniert und wie es anzuwenden ist.

Da Wing Chun definiert ist als eine effektive Nahkampf-Methode für die praktische Selbstverteidigung, in der "Kraft des Gegners" für sich genutzt werden kann, ist es naheliegend, dass zunächst ein Kontakt zum Angreifer hergestellt werden muss, damit seine "Kraft" auch genutzt werden kann. Dies geht nicht ohne Kontakt von Angreifer und Verteidiger.

Suchen der Arme

Das "Suchen der Arme" ist also ein fester Bestandteil der Selbstverteidigung nach der Wing Chun-Theorie. Das Herstellen eines Kontaktes ist der schwierigste Moment in einem Kampf, da viele Faktoren, die in einer Auseinandersetzung eine Rolle spielen, vor einem Angriff noch gar nicht bekannt sind, wie z.B.

  • die Absicht des Gegners
    ist der Gegner gefährlich oder ungefährlich? Wie ernst ist ein Angriff, pöbelt der Angreifer nur herum oder legt er es darauf an, den Angegriffenen ernsthaft zu verletzen?
  • die mögliche Aggression des Gegners
    Was für einen Kampfgeist hat der Angreifer? Gibt er sofort auf, wenn ihm Widerstand entgegengebracht wird oder wird er häufiger angreifen, bis er sein Ziel erreicht hat?
  • die Fähigkeit des Gegners
    Hat der Angreifer bereits Kampferfahrung als "Straßenschläger" oder ist der Angreifer eventuell selbst in einer Kampfkunst geschult?
  • der erste Angriff des Gegners
    Der erste Angriff kann vielfältig sein: Schlagen zum Kopf oder Körper, Schlag mit links oder rechts, Schlag geradeaus oder seitlich, Würgen mit einer oder beiden Händen, Halten am Arm oder Handgelenk, Klammern der Arme von hinten oder vorne, Klammern des Oberkörpers, Schubsen, Haare ziehen, Treten aus allen Richtungen...
  • die Kraft des Gegners
    Wie hart wird der erste Angriff ausgeführt?
  • die Geschwindigkeit des Gegners
    Wie plötzlich und unerwartet wird ein Angriff ausgeführt oder sieht man den Angriff vorher kommen? Bleibt evtl. Zeit sich auf den Kampf vorzubereiten?

Die Brücke suchen

"Die Brücke suchen" bedeutet also in einem Kampf, den Kontakt zu einem weitgehend unbekannten Angreifer in einer unvorhersehbaren Situation herzustellen.

Der Vorgang der Kontaktaufnahme zu einem Angreifer sollte möglichst:

  • einfach anzuwenden sein
    Angesichts der vielen Unwägbarkeiten muss die erste Reaktion auf einen unvorhergesehenen Angriff schnell und einfach ohne viel Zeitaufwand anzuwenden sein
  • eine erfolgreiche Verteidigung ermöglichen
    Es muss erreicht werden, dass einerseits der eigene Körper geschützt wird, um nicht evtl. von einem Schlag oder sonstigem Angriff getroffen zu werden und man andererseits den Kampf erfolgreich beenden kann.
  • systematisch erfolgen
    Das eigene Verhalten als Verteidiger sollte möglichst planvoll und kontrollierbar bleiben, um eben in der kurzen Distanz zum Gegner und der damit verbundenen kurzen Reaktionszeit den Schutz des eigenen Körpers zu ermöglichen. Ansonsten verfällt man als Verteidiger schnell in eine instinktive Verhaltensweise, in der die eigenen Bewegungen eher unkontrolliert ablaufen: Es wird womöglich geblockt, gekontert, gegriffen und gehalten und geklammert, um einen Angriff abzuwehren.

Die Kunst

Doch die Kunst besteht darin, im Falle eines Angriffs handlungsfähig zu bleiben und sich bewusst zu sein, was passieren kann, was man tun sollte und tun könnte, um möglichst unbeschadet aus einem Angriff hervorzugehen. Die Kontrolle in einer solchen Situation zu behalten ist die "Kunst" und das Ergebnis des Trainings einer Kampfkunst. Eine gute Kampfkunst sollte erklären können, was in einer solchen Kampfsituation passieren kann, damit das Training auch dementsprechend auf diese Situation vorbereitet. Ansonsten verbringt ein Kampfkunstschüler Jahre oder Jahrzehnte in einer Schule, und verbringt kostbare Zeit mit dem Erlernen völlig unsinniger Bewegungsabläufe oder "Sektionen", die im Ernstfall nicht funktionieren.

Auf dem Hintergrund der vorher beschriebenen unbekannten Faktoren, die in einem Kampf eine Rolle spielen, muss man davon ausgehen, dass es nicht möglich ist, direkt auf einen ersten Angriff mit einem Konter zu reagieren oder dem Angreifer zuvor zu kommen ohne das Risiko einzugehen, selbst von einem Schlag getroffen zu werden oder anderweitig verletzt zu werden.

Eine solche Vorgehensweise wird von anderen Schulen im Zusammenhang mit dem sog. "Ritualkampf" und einer "proaktiven Handlungsstrategie" (was nicht mehr bedeutet als "Angriff ist die beste Verteidigung") propagiert.

Doch auf der Grundlage der 3 ursprünglichen Kampfprinzipien kommt man zu dem Schluss, dass eine solche Vorgehensweise zu viele Risiken in sich birgt. Dies wird im weiteren Verlauf deutlich, wenn die Kampfprinzipien ausführlich erläutert werden. Sie liefern die Erklärung dafür, wie eine Kampfhandlung abläuft und sie liefern eine "einfache" Begründung dafür, warum der Grundsatz "Angriff ist die beste Verteidigung" (oder "proaktive Handlungsstrategie") zu unsicher ist, vor allem, wenn das eigene Leben in einer gewalttätigen Auseinandersetzung bedroht wird und/oder beschädigt oder beendet werden kann!

Es ist wohl naheliegend, in einer solchen Situation eine Methode zu wählen, die einem bestmöglichen Schutz gewährleistet und das Risiko, ernsthaft verletzt oder getötet zu werden, reduzieren hilft.

Die "Kampfprinzipien" basieren auf der Zentrallinientheorie.

Die Zentrallinientheorie erklärt, was zu tun ist und die 3 Kampfprinzipien beschreiben dementsprechend die eigene Vorgehensweise, in einer Bedrohungssituation, um den Schutz der eigenen Zentrallinie und der auf ihr liegenden vitalen Bereiche zu schützen. Der oberste Zweck ist also der erfolgreiche Selbstschutz und die Fähigkeit in kürzester Zeit einen Kampf zu beenden!

Sie sollten in jeder einzelnen Kampfhandlung konsequent angewendet werden können, ansonsten wären sie blanke Theorie ohne einen wirklichen Bezug zu der praktischen Anwendung im Kampf. Und dann wäre es nicht nötig, eine Selbstverteidigungsmethode mit einer Prinzipienlehre zu versehen, die nicht angewendet werden kann. Aber dafür müssen sie zunächst bekannt sein, um zu wissen, wie sie anzuwenden sind.

Man muss davon ausgehen, dass ein Kung Fu-Stil, der von sich behauptet, 300 Jahre alt zu sein, eine Prinzipienlehre beinhaltet, die auch tatsächlich in der Praxis anwendbar ist. Sonst hätte sich ein Kung Fu-Stil nicht über einen so langen Zeitraum behaupten können.

Diese Kampfprinzipien sind im 1. Drittel der Chum Kiu-Form enthalten und Kampfprinzipien finden sich in der Überlieferung des Wing Chun-Systems in den Kuen Kuit.

Kuen Kuit - Die Merkverse des Wing Chun

"Kuen Kuit" sind zwei chinesische Worte und bedeuten in etwa "die Sprüche einer Kampfkunst". Einzeln benutzt bedeutet "Kuen" "Faust" oder "Schule" oder im weiteren Sinne einen gesamten "Kung Fu-Stil". "Kuit" bedeutet "Spruch" oder auch "Lied". Meistens sind die Kuits sehr kurz und in rhythmischen Versen geschrieben und somit leicht zu erlernen und zu erinnern.

Viele Kung Fu-Stile benutzen Kuen Kuit, um sehr kurz und knapp die Grundideen ihres Stils zu beschreiben. Der Gebrauch von Merkversen für die Kampfkunst ist auch für die europäischen Fechtschulen überliefert.

Für Ip Man hatte einer seiner Schüler, Moy Yat (1938 - 2001), der auch Künstler und Bildhauer war, die Kuen Kuit in 51 kleine Steinstelen gemeißelt. Man sagt, Ip Man hat als Teil seines Erbes, Moy Yat beauftragt, die Kuen Kuit des Wing Chun-Stils in Stein einzugravieren. Moy Yat soll 3 Jahre gebraucht haben, um die Steine zu sammeln und weitere 3 Jahre, um die Kuen Kuit in die kleinen Steine einzugravieren. Kein Stein gleicht dem anderen und auch die Gravuren auf jedem Stein sind in einem etwas anderen Stil gehalten.

Kein anderer Aspekt des Wing Chun-Systems ist so umstritten wie die Deutung der 3 Kampfprinzipien.

Es gibt in der deutschsprachigen Literatur bisher keine logische Erklärung dafür, wie diese Prinzipien zu verstehen und anzuwenden sind. Sie werden in diesem Buch zum allerersten Mal ausführlich dargestellt und im Zusammenhang mit den Formen erklärt.

Die Formel der 3 Kampfprinzipien nach Ip Man lautet:

  1. Kampfprinzip: "Loy Lau"
    Loy bedeutet: "kommen"; Lau bedeutet: "stoppen, aufhalten"
    Dann heißt das 1. Prinzip: Wenn eine Hand (Angriff) kommt, halte sie auf."
  2. Kampfprinzip: "Hui Sung"
    Hui bedeutet "gehen"; Sung bedeutet "folgen"
    Dann heißt das 2. Prinzip: "Wenn eine Hand geht, dann folge ihr!"
  3. Kampfprinzip: "Lut Sao Jic Chung."
    Lut Sao bedeutet "Hand verloren"; Jic Chung bedeutet "stoße vorwärts"

    Dann heißt das 3. Prinzip: "Wenn der Kontakt zum Gegner verloren ist, dann stoße vorwärts."

Abb. rechts: Die ersten beiden Kampfprinzipien auf einer der 51 Steinstelen, auf denen Moy Yat die Kuen Kuit eingraviert hatte. Fotos mit freundlicher Genehmigung von SifuPete Pajil, vingtsun-usa.org/keun-kuit

Ohne eine nähere Erläuterung dieser 3 Kuen Kuit, der 3 Merksätze, kann man diese "Prinzipien" nur schwer für ein Selbstverteidigungssystem anwendbar machen.

Der Schlüssel zum Verständnis

Der Schlüssel zu dem Verständnis dieser Prinzipien liegt darin, einen Zusammenhang der Prinzipien mit den Bewegungen herzustellen. Bringt man die Prinzipien mit den Bewegungen der Form in Verbindung, kann man feststellen, dass die Prinzipien in der dargestellten Reihenfolge nicht zufällig angeordnet sind. sondern dass sie in der Reihenfolge ihrer Anwendung angeordnet sind.

Wenn dies gelingt, dann kann man erklären, wie die Prinzipien praktisch funktionieren und angewendet werden.

Die drei Schlüsselbegriffe der Kampfprinzipien sind in Ihrer Reihenfolge:

  1. Aufhalten
  2. Folgen
  3. Stoßen

Wenn ein Angriff erfolgt, dann soll dieser laut 1. Kampfprinzip aufgehalten werden. Der erste Moment, in dem in der Bewegung eines Angriffes die eigene Hand den Weg der angreifenden Hand kreuzt, ist das, was der Name der "Chum Kiu" bedeutet: Das "Suchen der Brücke". Nicht von ungefähr hatte Bruce Lee seinen Kung Fu-Stil "Jeet Kune Do" genannt: "Der Weg der abstoppenden Faust". "Jeet" bedeutet "Abstoppen" und ist hat dieselbe Bedeutung wie "Aufhalten."

Dann soll nach dem 2. Kampfprinzip einer Hand "gefolgt" werden. Einer Hand folgen kann man nur, wenn vorher ein Kontakt hergestellt wird.

Anders herum ist es unmöglich: Einer Hand folgen, wenn man nicht weiß, wo sie ist (also keinen Kontakt hat) ist nicht möglich. Insofern ist "Aufhalten" die erste Aktion des Verteidigers, wenn ein Angriff stattfindet und das "Folgen", die nächste.

Nach dem 3. Kampfprinzip soll man "vorwärts stoßen, wenn man eine Hand verloren hat." "Folgen" nach dem 2. Kampfprinzip bedeutet, dass die Hand des Verteidigers den Kontakt beibehält. Da eine Armbewegung im Kampf entweder nach vorne gerichtet ist, um ein Ziel zu treffen oder rückwärts, um sich zu schützen oder einfach um für einen weiteren Schlag auszuholen, dann resultiert aus dem "Folgen", dass man in dem Kontakt zum Gegner anschließend den richtigen Moment erkennen soll, wann "vorwärts gestoßen" werden kann.

Es gibt also einen guten Grund für die Reihenfolge der Prinzipien, die in einem Kampf - angefangen von der ersten Kontaktaufnahme - von "Hand kommt - halte sie auf!" über "Hand geht - folge ihr!" bis zur Beendigung eines Kampfes - "Hand verloren, stoße vorwärts!" - durchlaufen werden.

Fazit: Die Kampfprinzipien erklären eine Kampfhandlung vom Moment des Angriffs über die Verteidigung bis zu einem Konterschlag, mit dem der Verteidiger einen Angriff beendet.

Der Schlüssel zu den Kampfprinzipien

Es war weiter oben bereits die Rede davon, dass der Schlüssel zu den Kampfprinzipien darin besteht, die Prinzipien mit den Bewegungen in einen Zusammenhang zu bringen.

Dieser Zusammenhang wird hier im Folgenden dargestellt und ist wohl in der Wing Chun-Literatur einzigartig.

Wenn man die Bewegungen aus der Chum Kiu-Form analysiert, stellt man fest, dass es drei wesentliche Bewegungen gibt, die jeweils einem Kampfprinzip zugeordnet sind.

Wenn es so ist, dass die Reihenfolge der Prinzipien: Aufhalten, Folgen, Stoßen eine feste Abfolge bilden, dann muss diese Abfolge im Zusammenhang mit einem Angriff gesehen werden, der vom Angreifer auf den Verteidiger ausgeführt wird. Wenn ein Angreifer einen Schlag ausführt oder jemanden Schubsen, Würgen oder Klammern will, dann muss er sich auf sein Opfer zu bewegen. Folglich muss er seine Distanz von einer großen zu einer kleineren Distanz verändern, bis er in der Lage ist, seinen Angriff zu Ende zu führen. Der Angreifer muss sich bewegen, also mindestens einen Schritt auf das Opfer zu gehen.

Und idealerweise kommt er dann genau zu seinem Ziel, wenn der Verteidiger den Angriff entweder nicht kommen sieht, das Opfer geschockt ist und aufgrund der berüchtigten "Schrecksekunde" sich nicht wehrt oder einfach kein richtiges Mittel kennt, um sich mit Händen und Füßen gegen den Angriff schützen.

Das Überbrücken von Distanz zum Ziel durch den Angreifer erfordert Zeit. Und genau innerhalb dieser Zeit hat der Verteidiger eine Chance auf einen Angriff zu reagieren.

Und genau dies will Wing Chun wenigstens erreichen: Dass man den Weg und die geeigneten Mittel kennt, um sich mit Händen und Füßen selbst zu schützen. Gegen unsichtbare Angriffe ist selbst der beste Kämpfer machtlos.

Die "Schrecksekunde" kann man durch Training und Kampferfahrung ein wenig kompensieren. Die korrekten Mittel aber kann man analysieren und trainieren!

Um die Kampfprinzipien darzustellen, finden wir folgende 3 Bewegungen. Man Sao, Tan Sao und Pak Sao. (siehe Abbildung)

In der weiteren Analyse stellt man fest, dass diese 3 Bewegungen eine unterschiedliche Reichweite haben. Dieser Umstand ist für die Kampfprinzipien von großer Bedeutung. Die Reichweite der Man Sao ("Biu Sao") am Anfang ist am größten. Bei der Man Sao werden die Arme nach oben gestreckt. Damit stellt diese Bewegung die größte Distanz dar, in der Kontakt zu einem Angreifer möglich ist.

Nach der Wing Chun-Theorie sind alle Angreifer, die außerhalb dieser Reichweite sind für den Verteidiger nicht gefährlich. Sie befinden sich einfach zu weit weg, um effektiv schlagen oder treten zu können. Sobald sich ein Angriff, also der Arm oder Fuß, mit dem der Angriff ausgeführt wird- nicht der Angreifer selbst - in der Reichweite unseres ausgestreckten Armes befindet, beginnt ein Kampf.

In dieser Distanz bleibt genug Zeit, auf einen Angriff zu reagieren. In dieser Distanz gibt es nur eine Aufgabe: Die eigene Zentrallinie zu schützen und den Kontakt zum Angreifer herzustellen, um sich in der Situation orientieren zu können und Zeit zu gewinnen. Diese Aufgabe entspricht dem ersten Kampfprinzip: "Wenn eine Hand kommt, dann halte sie auf." Das "Aufhalten" übernimmt immer die Man Sao - die "fragende Hand".

Das 1. Kampfprinzip

Das 1. Kampfprinzip: "Loy Lau" - "Hand kommt, halte sie auf"

ist dementsprechend der ersten langen Distanz (Fauststoßdistanz) zugeordnet, da im Falle eines Angriffs der Angreifer sich auf den Verteidiger zubewegt. Ein Kampf findet also statt von einer langen Distanz zu einer kürzeren Distanz.

Ein Angreifer nähert sich in die Distanz, in der der eigene Arm Kontakt zu dem ersten Arm des Angreifers herstellen kann. Diese erste Kontaktaufnahme hat die Aufgabe, zuallererst die eigene Zentrallinie gegen Treffer zu schützen.

Hierzu benutzt man die "Fragende Hand", die Man Sao. Dabei wäre es im Idealfall so, dass die Hand, die dem Angreifer am nächsten ist, den ersten Kontakt herstellt, egal ob rechts oder links und gleichgültig davon, wie ein Gegner angreift, ob er schubst oder zuerst mit links oder rechts zuschlägt.

Man Sao, die "fragende Hand" oder "suchende Hand" ist die Handbewegung, die bei einem unvermittelten Angriff den ersten Kontakt zum Arm des Gegners herstellt. Dabei ist die Hand entspannt, der Ellbogen bleibt leicht gebeugt und die Bewegungsrichtung ist immer, entweder vorwärts-aufwärts oder rückwärts-abwärts.

Damit beschreibt die Man Sao eine Diagonale durch den Raum vor dem Oberkörper bis auf Augenhöhe und bildet damit den ersten Körperschutz für alle Angriffe, die auf den eigenen Körper ausgeführt werden.

In der Form wird die Raumdiagonale der Man Sao nicht so deutlich, da sie aus der vorhergehenden Lan Sao ausgeführt wird. Damit beschreibt die Chum Kiu lediglich ein bestimmtes Konzept und nicht eine konkrete Anwendung.

Die Man Sao an dieser Stelle macht den Anfang und definiert die erste Distanz durch die Streckung des Armes. Sie beschreibt aber auch durch die Vorwärts-Aufwärtsbewegung das erste Kampfprinzip: Nimm auf, was kommt. "Chum Kiu" heißt wie schon erwähnt: Das "Suchen der Brücke" oder "Suchende Arme".

Es wird im Wing Chun oft ein Bild benutzt, um diesen Moment zu beschreiben. Der Raum zwischen Angreifer und Verteidiger ist zunächst leer. Dies entspricht einem Fluss, der zwischen beiden Kämpfern liegt. Bewegt sich der Angreifer für seinen Angriff vorwärts, dann ist dies vergleichbar damit, dass von dem einen Flussufer ein Brückenarm herunter gelassen wird. Die Reaktion des Verteidigers, der den ersten Kontakt zu diesem Angriff aufnimmt, wäre der zweite Brückenarm vom gegenüberliegenden Ufer. Die London Tower Bridge funktioniert nach diesem Prinzip.

Um bei dem Bild der London Towerbridge zu bleiben: Ein Angriff ist der Moment, in dem beide Brückenarme geschlossen werden, um den Kontakt herzustellen. Dies ist im Kampf eine besondere Aufgabe, da ein Angriff nicht vorher gesehen werden kann und man ebenfalls nicht vorher sagen kann, wie stark, wie schnell etc. ein Angriff ausgeführt wird.

Das ist die Bedeutung des "Suchens": "Nimm auf, was kommt." Entsteht der Kontakt, dann ist das 1. Kampfprinzip erfüllt. Der Kontakt zum Angreifer bildet die "Brücke".. Deswegen heißt "Chum Kiu" "Suchende Arme" oder "Das Suchen der Brücke".

Das 2. Kampfprinzip

Das 2. Kampfprinzip "Hui Sung" - "Hand geht, folge ihr"

Nach der Man Sao folgt in der Form die Tan Sao, die exakt eine Handlänge kürzer ist. Die Tan Sao definiert die zweite Kampfdistanz. Tan Sao ist das Beispiel für den sog. "unbeweglichen Ellbogen". In dieser Position weist der Arm die größtmögliche biomechanische Stabilität auf.

In Zusammenhang mit der veränderten Reichweite im Vergleich zur Man Sao kann man sagen, dass die im Wing Chun erlernten Techniken erst in der nächst kürzeren Distanz zum Einsatz kommen, nachdem die Man Sao (bei der der Arm fast gestreckt ist) den Kontakt zum Gegner hergestellt hat.

Diese Phase entspricht dem Bild des Hinüberlaufens über die Tower Bridge. Hier treffen sich Angreifer und Verteidiger auf der Mitte der Brücke. Ein Kampf ist in diesem Moment noch unentschieden. Innerhalb dieser kurzen Phase, in der sowohl der Angreifer als auch der Verteidiger sich gegenseitig treffen könnten, spielen die gesamten Abwehrpositionen der ersten Form (Tan Sao, Bong Sao, Jut Sao, Jum Sao etc…) eine gewichtige Rolle, da in dieser Phase die meiste Energie auf den eigenen Körper einwirkt. Der Wing Chun-Anwender muss hier in der Lage sein, die Bewegungen des Gegners zu spüren und für sich zu nutzen, um die Kontrolle über den Gegner zu bekommen. Kontrolle kann nicht stattfinden, wenn kein Kontakt vorhanden ist.

Grandmaster Ip Ching sagt dazu:

„Control ist the skill of Wing Chun. Hitting the opponent is the goal, but it is the control of the opponents bridge (arms) which makes hitting possible.“

 

“Kontrolle ist die besondere Fähigkeit des Wing Chun. Den Gegner zu schlagen ist das Ziel, aber es ist die Kontrolle über die Brücke (Arme) des Gegners, die das Zuschlagen erst ermöglicht.“ (Übersetzung vom Autor).

Es geht also darum, den Kontakt zum zweiten Arm des Gegners herzustellen um die Kontrolle über einen möglichen Angriff zu erlangen und dem Verteidiger eine bessere Position zu verschaffen als dem Angreifer. Die Fähigkeit der Kontrolle in dieser kurzen Phase eines Angriffes ist das Besondere am Wing Chun überhaupt. Man kann bei der mittleren Distanz von "Kontrolldistanz" sprechen und aus diesem Grund sagen, dass Wing Chun zunächst ein "Treffer-Vermeidungsprogramm" ist.

Diese Phase ist für den Wing Chun-Anwender die schwierigste und die Fähigkeit der Kontrolle eines Gegners in dieser kurzen Distanz ist das, was das Wing Chun von anderen Kampfkünsten wesentlich unterscheidet. Die Fähigkeit der Kontrolle über den Gegner macht die "Kunst" des Wing Chun aus. Um dies zu erreichen gibt es "Klebende Hände" -Chi Sao - die wichtigste Trainingsmethode im Wing Chun-System. In dieser 2. Phase kommen all die Reflexe und Fähigkeiten zum Tragen, die man sich durch das regelmäßige Chi Sao – Training angeeignet hat, vor allem die Fähigkeit, Bewegungen des Gegners wahrzunehmen und die kinetische Energie des Angreifers umzulenken.

Die Fähigkeit zur Kontrolle der gegnerischen Bewegung ist die Komponente, die es ermöglicht, trotz der juristischen Rahmenbedingungen in der westlichen Welt Wing Chun anzuwenden, ohne Probleme mit dem Richter zu bekommen. In der Rechtsprechung gilt ja der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Verteidigung.

Das 3. Kampfprinzip

Das 3. Kampfprinzip "Lut Sao Jik Chung"- "Hand verloren, stoße vorwärts."

Die drei folgenden Pak Sao auf den Arm sind ebenfalls eine Handlänge kürzer als die Tan Sao und entsprechen der dritten Distanz, der sog. "Ellbogen-Distanz".

Der Einsatz von Ellbogen kann nur erfolgen, wenn der Abstand des Verteidigers zum Angreifer noch kleiner geworden ist, da die Reichweite eines Ellbogenstoßes natürlich kürzer ist als ein Stoß mit Hand oder Faust. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Distanz und der Aufgabe, die eine bestimmte Bewegung innerhalb einer Kampfaktion hat.

Das 3. Kampfprinzip ist somit der kürzesten aller Distanzen zugeordnet, in dem ein Angreifer nicht nur schlagen, sondern auch Halten, Würgen und Klammern, sowie Ellbogenstöße, Kniestöße und Tritte ausführen kann. In dieser Phase eines Kampfes einen wirkungsvollen Schlag auszuführen, setzt die Fähigkeit voraus, zuerst den Moment des "Lösens" zu erkennen und dann diesen Moment zu nutzen, einen oder mehrere wirkungsvolle Schläge auszuführen, um den Kampf zu beenden, bevor es der Angreifer tut.

Ziel des Wing Chun-Konzeptes ist es, einen Kampf möglichst unbeschadet zu überstehen und erfolgreich zu beenden, auch gegen körperlich überlegene Gegner.

Aus den drei Handbewegungen, Man Sao, Tan Sao und Pak Sao lässt sich folgendes Ableiten:

Um in der Selbstverteidigung effektiv vorgehen zu können, muss man verstehen, was die Bewegungen der Form über die unterschiedlichen Distanzen zu sagen haben, in denen sich eine Kampfhandlung im Bruchteil einer Sekunde von Angriff bis zur erfolgreichen Beendigung eines Kampfes abspielt.

Ein Angriff findet immer in Bewegung statt und der Angreifer muss sich bewegen, um sein Ziel zu erreichen. Gleichzeitig soll der Verteidiger den Angriff durch die Anwendung der 3 Kampfprinzipien ("Aufhalten, Folgen, Schlagen") erfolgreich abwehren. Aus der Reihenfolge der 3 Kuen Kuit und der Reihenfolge der Bewegungssequenz der Chum Kiu kann man beobachten, dass die Form den Vorgang eines Angriffs in 3 Positionen darstellt. Diese 3 Prinzipien helfen enorm beim Erlernen des Wing Chun, weil sie nachvollziehbar machen, was in Bewegung nicht gesehen werden kann. Sie versetzen einen Wing Chun-Anwender in kurzer Zeit in die Lage , die erlernten Techniken im Falle eines Angriffes richtig und effektiv einzusetzen.

Die 3 Distanzen im Wing Chun-System

Wenn man also die Bewegung der Formen, die wir oben gesehen haben: Man Sao, Tan, und Pak Sao, weiter analysiert, sehen wir folgendes:

Alle drei Handbewegungen besitzen eine unterschiedliche Reichweite.

In der Folge nennen wir die Distanzen wie auf der Abbildung:

  1. Lange Distanz
  2. Mittlere Distanz
  3. Kurze Distanz.

Die drei Distanzen werden ganz entscheidend sein, um die drei Kampfprinzipien des Wing Chun zu verstehen.

Wir haben gesehen, dass die Abfolge der Kampfprinzipien im Kern folgende ist:

  1. Aufhalten
  2. Folgen
  3. Stoßen

In der Erklärung der Form ist es jetzt wichtig, den Kampfprinzipien die korrekte Distanz zuzuordnen, um die Erklärung dafür zu bekommen, wie Wing Chun in der Praxis funktioniert.

Damit beschreibt die Chum Kiu ein bestimmtes Konzept und nicht irgendeine konkrete Anwendung.