Die Geschichte des Wing Chun-Stils

Diese Geschichte über die Enstehung des Ip Man Wing Chun-Stils ist gemeinhin die bekannteste Version und wird von allen Autoren in etwas anderen Einzelheiten wiedergegeben.

Hier wiedergegeben nach Übersetzung aus dem Englischen, mit freundlicher Genehmigung von Grandmaster Samuel Kwok aus seinem Buch "The Path to Wing Chun", 3. Auflage, London 1998.


Der Ursprung und die Entstehung des Wing Chun

Kampfkünste haben sich unabhängig auf der gesamten Welt entwickelt, aber die Erwähnung von Kampfkunst vergegenwärtigt automatisch die Chinesischen Stile des Kung Fu. Obwohl die Kampfkünste in China seit Tausenden von Jahren bekannt sind, beginnen die traditionellen Anfänge des Kung Fu mit dem Shaolin Tempel, der ungefähr in der Zeit um 500 vor Chr. von einem Mönch namens Bodhidharma gegründet wurde, der den Zen-Buddhismus von Indien nach China einführte. Das war zu einer Zeit, in der die Kampfkunst mehr und mehr zu einem Geheimwissen wurde, das nur innerhalb der Familie oder nur einigen sehr wenigen auserwählten Schülern unterrichtet wurde, um die Künste über die Generationen zu erhalten.

Bodhidharma befand, dass seine Schüler physisch nicht vorbereitet waren auf die extensive Form der Meditation, die ein integraler Bestandteil seiner Unterweisung war.

Ein Beispiel dafür war, dass Bodhidharma selber vor einer Wand saß und dort für neun Jahre meditierte. Als eine Person, von der man sagte, sie sei sehr hart und einen sehr grimmigen Blick hatte.

Bodhidharma entwickelte einen Satz von Übungen, die zunächst seine Schüler für Ihre Lektionen vorbereiten sollten, und später entwickelten diese Selbstverteidigungs-prinzipien. So entwickelten die Shaolin Mönche über die Jahrhunderte durch kontinuierliche Praxis und Fortschritt einen vorzüglichen Kampfstil mit offenen Hand- und Waffentechniken.

Nach dem Fall der Ming Dynastie gab es eine Periode der Unterdrückung der Mönche am Beginn des 18. Jahrhunderts unter den Manch-Herrschern, so daß die Mönche in dieser Zeit mehr politisch involviert wurden und mehr in die Aufmerksamkeit der Regierung kamen, die zu Recht ihre kämpferischen Fähigkeiten fürchtete.

Alle Versuche, den Tempel zu zerstören wurden abgewehrt durch die Verteidigung der Mönche, und die Truppen des Herrschers hatten nur spärlichen Erfolg, bis sie es schafften, die Hilfe eines verräterischen Mönches, Ma Ning Yee, in Anspruch zu nehmen, der nicht nur die Pläne des Tempels mit geheimen Gängen offen legte, sondern auch dabei half, eine Revolte innerhalb des Tempels zu starten und dort Feuer zu legen.

Anstatt die Revolte gegen die Manchu-Regierung anzuführen zog es Ng Mui vor, durch das Land zu wandern und sich aus dem Tumult herauszuhalten, der nach der Zerstörung des Shaolin Tempels herrschte. Am Ende ließ sich Ng Mui am Tempel des Weißen Kranichs am Tai Leung Berg nieder

Es war während dieser Zeit, in der Ng Mui über Shaolin-Stil nachdachte, der nun den Regierungstruppen gelehrt wurde, mit seinen langen schwingenden Bewegungen, exotischen Ständen, komplexen Formen und bildhaften Namen, die eher für die Demonstration vor Zuschauern als für die praktische Anwendung entwickelt waren.

Eines Tages, während einer Wanderung durch die Landschaft, wurde Ng Mui Zeugin eines Kampfes zwischen einer Schlange und einem Kranich, mit dem direkten Stoßen der Schlange und dem gleichzeitigen Abwehren und Schlagen des Kranichs durch Flügel und Schnabel, immer den Gegner frontal ansehend. Anstatt das Ng Mui die Tierbewegungen wie in anderen Stilen imitierte, benutzte sie mehr die Konzepte, die in diesem Kampf enthalten waren: Direktheit, Einfachheit, Nutzung der Energie, Ausweichen, nicht Kraft gegen Kraft, mit mehr Betonung auf der Technik als auf Stärke.

Ng Mui besuchte ein örtliches Städtchen um Vorräte zu beschaffen und wurde bekannt mit Yim Yee, der Bohnenquark von einem Stall auf dem Markt verkaufte und auch ein Schüler im Shaolin Tempel war. Bei einem dieser Besuche fühlte Ng Mui, das Yim Yee aufgebracht war und durch eine Untersuchung herausfand, dass ein örtlicher Herrführer seine Absicht bekannt machte, seine Tochter – notfalls gewaltsam – zu heiraten.

Yim Yee´s Tochter, ein schönes Mädchen mit dem Namen Yim Wing Chun war allerdings bereits jemandem aus ihrer Heimatstadt in der Provinz Kwantung versprochen, aus der sie fliehen mußten als Yim Yee in ein Gerichtsverfahren involviert war; und weil er ein Shaolin Schüler war, wäre er eingesperrt worden, auch wenn er das Gesetz eingehalten hätte. Ng Mui entschied, das Problem indirekt dadurch zu lösen, dass sie Yim Wing Chun mit sich zum Tempel des Weißen Kranichs mitnahm und dort wurde sie die einzige Schülerin. Und in einer Periode von 3 Jahren studierte Yim Wing Chun ernsthaft und Ng Mui unterrichtete Yim Wing Chun den neu entwickelten Kampfstil.

Nach ihrer Zeit im Tempel des Weißen Kranichs kehrte Yim Wing Chun zu ihrem Städtchen und wurde sogleich wieder von dem Herrführer  noch ernster belästigt, aber jetzt war Yim Wing Chun vorbereitet und forderte ihn zu einem Kampf mit bloßen Händen, welchen er selbstverständlich akzeptierte, damit alle sehen konnten, welche schwache junge Frau bald seine Frau sein würde – oder so etwas ähnliches dachte er.

Yim Wing Chun besiegte den Herrführer total und wurde nicht mehr belästigt und war dann frei den von ihr gewählten Mann zu heiraten. Leung Bok Chau seinerseits war selbst auch ein geübter Kämpfer und sie sollten zusammen dieses neue Kampfsystem praktizieren und es war zu Ehren seiner Frau, daß er diesen Stil Wing Chun, oder Schöner Frühling nannte.

Leung Bok Chau gab die Techniken des Wing Chun weiter an Leung Jan Kwai, ein Kräuterkundiger, der einen Schüler namens Wong Wah Bo annahm. Dieser spiele in einer Operntruppe und während der Arbeit auf der Roten Dschunke  begegnete er dem Langstockmann Leung Yee Tai, der in den Sechseinhalb Stab-Techniken von Chi Shin unterrichtet worden war, der wiederum einer der Ehrwürdigen Fünf war, die am geschicktesten mit dem Stock und dem Langstock waren. Leung Yee Tai wurde zum Nachfolger des Wing Chun-Systems und so wurden die Langstocktechniken hinzugefügt.

Leung Yee Tei´s Schüler, der das Wing Chun weiterführte war Leung Jan, ein Arzt aus Fatshan in der Provinz Kwantung in Südchina. Leunng Jan hatte zwei Söhne, Leung Bik, der ältere und Leung Tsun, die beide täglich in Wing Chun unterrichtet wurden, aber der Nachfolger von Leung Jan wurde Chan Wah Shun; obwohl nicht gut gebildet, meisterte er dieses anspruchsvolle System durch seine Entschlossenheit, und durch die Anwesenheit auf dem Marktplatz, auf dem das Leben rauh war, hatte der die Gelegeneheit, seine Techniken weiterzuentwickeln, so daß es an ihm lag, daß die Verantwortung für Wing Chun bei ihm lag.

Während der 36 Jahre, die Chan Wah Shun Wing Chun unterrichtete, nahm er nur 16 Schüler auf. Der letzte dieser Schüler war ein junger Mann mit einem wachen Geist und einer außergewöhnlichen Intelligenz, sein Name war Yip Man, der dazu bestimmt war, der Great Grandmaster des Wing Chun zu werden.

Yip Man kann als das Resultat zweier Lehrer bezeichnet werden, der erste war Chan Wah Shun, der „Kämpfer“ und Leung Bik, der „Gelehrte“, den er in Hong Kong während seines Aufenthaltes am St. Stephen College traf.

Diese Geschichte wird nun Gegenwart mit der Hinterlassenschaft, die der Grandmaster Yip Man vor seinem Tod am 2. Dezember 1972 in Form eines 8mm-Films hinterließ. So bewahrte er auf seine Art und Weise alle drei Formen und die 116  Holzpuppentechniken, und überließ sie im Vertrauen seinen beiden Söhnen, Yip Chun, dem älteren und Yip Ching, die reinste Form des Wing Chun durch die Yip Man Martial Arts Association zu bewahren und den einst geheimen Stil zu fördern und zu einer populären Kunst überall auf der Welt zu machen.

Übersetzung von Horst Drescher