Formen & Anwendungen im Ip Man Wing Chun

Wing Chun ist nicht eine Sache des Trainings, es ist eine Sache des Verstehens.

Großmeister Samuel Kwok

Grundlage für das Ip Man Wing Chun Kung Fu sind die sogenannten Formen. Im Gegensatz zu anderen Kampfkünsten sind die Formen im Wing Chun Kung Fu nicht so zahlreich. Also ist das Wing Chun-System in kürzerer Zeit zu lernen. Nachdem die Formen gemeistert wurden, wird daneben viel Zeit im Training für das Chi Sao aufgewendet.

Das Ip Man Wing Chun besteht aus drei Faustformen, die sog. Holzpuppenform und zwei Waffenformen (Langstockform und Doppelmesserform).

In jeder dieser Formen werden bestimmte Prinzipien und Bewegungen vermittelt, die für das Wing Chun wesentlich sind. Sie bauen aufeinander auf, sodaß ein weiteres Verständnis einer Form nicht möglich ist, wenn nicht zuvor die vorherigen Formen gelernt wurden.

Die sechs Formen im Ip Man Wing Chun Kung Fu sind

  1. Siu Lim Tao - die sog. "Kleine Idee"
    Die Siu Lim Tao ist die erste und die wichtigste Form im Wing Chun. Sie ist die Grundlage oder die Saat dieser Kampfkunst, von der der Erfolg der nachfolgenden Formen und Techniken abhängt. Grundlegende Regeln der Balance und Struktur der Körperhaltung werden entwickelt, ebenso die Ellbogenkraft für die korrekte Ausführung der Bewegungen.

    Die Siu Lim Tao wird im Stand ausgeführt und beinhaltet zunächst die grundlegenden Handbewegungen des Ip Man Wing Chun. Im Stand wird das Fundament gelegt für die weiterführende Schrittarbeit gelegt. Es wird die Muskulatur im Stand trainiert die für eine gute Schrittarbeit nötig ist. In den Handbewegungen der Siu Lim Tao werden die wichtigsten Grundprinzipien des Wing Chun vermittelt, die Energiearbeit für explosive Techniken, die für eine effektive Selbstverteidigung notwendig sind.

  2. Chum Kiu - die "Suchende Brücke"
    Die zweite Form konzentriert sich auf die koordinierte Bewegung der Körpermasse und der sog. „Einstiegstechniken“, um die Distanz zwischen dem Übenden und dem Gegner zu überbrücken und um die Haltung und Balance des Gegner zu stören. Nahkampf-Attacken und die ersten Fußtritte werden hier ebenso entwickelt. In der Chum Kiu wird die Schrittarbeit und der Einsatz der Hüfte (Yu Ma) im Wing Chun vermittelt. Insofern ist die Chum Kiu die erste Kampfform im Wing Chun, in der die Entwicklung von Kraft durch die exakte Koordination von Schritten, Hüfteinsatz und Handtechniken trainiert wird.

  3. Biu Gee - die "Stechenden Finger"
    Die dritte Handform ist Biu Gee. Sie ist angelegt auf Techniken in extrem kurzer und extrem langer Distanz, tiefe Fußangriffe und –feger, ebenso auf “Notfall”-Techniken, die man anwenden kann, wenn man die korrekte Haltung und die Richtung der Zentrallinie bereits verloren hat, um wieder eine bessere Position gegenüber dem Gegner zu erlangen. Ebenso wie in der Chum Kiu-Form die Wendung und die Schritte erlernt wurden, wird in der Biu Gee ein weiterer Level in der Entwicklung von Körperkraft durch das Strecken des Oberkörpers erreicht.

    Ein allgemein bekanntes Sprichwort im Wing Chun sagt: „Biu Gee geht nicht vor die Tür!“ Einige interpretieren diesen Satz in der Weise, dass diese Form geheim gehalten werden sollte. Andere wiederum interpretieren diese Form so, dass die Techniken der Biu Gee nicht angewendet werden sollten, wenn man sich anders zu helfen weiß.

    In der Biu Gee werden weitere Techniken für eine kürzere Distanz vermittelt. Die Techniken der Biu Gee gehen über die vorherigen Techniken hinaus, weil in ihr weitere Bewegungen des Ellbogens trainiert werden, die in den vorherigen Formen nicht enthalten sind. Die Biu Gee kann nur richtig ausgeführt werden, wenn man die Holzpuppenform lange und intensiv trainiert hat.

    Die Waffen im Wing Chun-System

    Wenn einmal die korrekte Generierung von Kraft in den Handformen erreicht ist, ist der Schüler bereit zu den Waffen fortzuschreiten. Wenn es bei den waffenlosen Formen das Ziel ist, die Kraft in die Fingerspitzen zu übertragen, dann ist die Idee bei den Waffenformen, diese Kraft auf die Waffen als Verlängerung des Körpers zu übertragen und dabei dieselben Prinzipien zu benutzen.

  4. Muk Yan Chong - die "108 Bewegungen der Holzpuppe"
    Die “Holzpuppenform” wird, wie der Name schon sagt, gegen eine “Holzpuppe” geübt, einem dicken Holzstamm von etwa 30 cm Durchmesser, der mit 3 Armen und einem Bein ausgestattet ist und auf einem leicht schwingenden Haltegerüst montiert ist.

    Das Training an der Holzpuppe dient dem besseren Verständnis der korrekten Winkel in den Handtechniken, der Fuß- und Schrittarbeit und der Entwicklung der vollen Körperkraft in der Ausführung der Techniken. Ebenso werden hier die Bewegungen der vorhergehenden Formen zusammengefügt und als Ganzheit verstanden.

  5. Luk Dim Boon Kwun
    Der Langstock – ein etwas konischer Holzstab, der in der Länge irgendwo zwischen 8 und 13 Fuß Länge variiert (das sind von etwa 2,40 m bis 3,90 m Länge.). Meistens wird er gleichgesetzt mit dem Namen seiner Form „Luk Dim Boon Kwun“, das heißt so viel wie „Sechseinhalbpunkt-Stab“.

  6. Bart Cham Dao
    Die Doppelmesser – Ein paar von großen Messern, etwas kleiner als kleiner Schwerter. Geschichtlich gesehen sind diese Messer auch bekannt als Dit Ming Do („Leben nehmende Messer“), Yee Jee Seung Do (gleichzeitige Doppelmesser-Form) oder als Baat Chaam Dao (Die „Acht Wege der Messer“ oder auch „Acht schneidende Messer“).

Die beiden letzt genannten Waffenformen bilden zwei weitere Aspekte des Wing Chun. Die beiden Waffenformen bilden die fortgeschrittensten Techniken im Wing Chun Kung Fu. Das Training dieser beiden Waffenformen verbessern die Haltung des Körpers und die Präzision der einzelnen Handpositionen, die die Anwendung der waffenlosen Techniken im Wing Chun verbessern.